Patrick Modiano: Unfall in der Nacht (Roman 2003)

Der französische Nobelpreisträger des Jahres 2014 Patrick Modiano, der in seiner Heimat alle nur denkbaren Preise erhalten hat, ist in Deutschland nur wenig bekannt. Liegt es daran, dass seine Welt eine so ganz und gar französische ist? Dass Paris der Dreh- und Angelpunkt all seiner Geschichten ist?
Der Ich-Erzähler, ein junger Mann, lebt allein in Paris, ohne Familie, ohne Einkommen, ohne Perspektiven. Tagelang streift er durch die Straßen der Stadt und macht sich Gedanken über sein Leben. Dazwischen gibt es flüchtige Begegnungen mit Passanten, Unterhaltungen im Café, einmal auch eine kurze Liebesbeziehung. Eines Nachts wird er mitten in Paris von einem Auto angefahren. Von nun an setzt er alles daran, die Fahrerin, eine „junge Frau im Pelzmantel“, wiederzufinden. Immer stärker wird in ihm die Überzeugung, dass dieser Unfall eine Wendung in seinem Leben bedeuten könnte.

Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff (Lesung mit verteilten Rollen)

Die hundert Jahre alte österreichische Architektin Prof. Anouk Perleman-Jacob bittet einen Schriftsteller, bisher Unbekanntes aus ihrem Leben aufzuschreiben. Anouk ist 1908 in Sankt Peters-burg geboren. Sie erlebt die dramatischen Anfänge der bolsche-wistischen Herrschaft. Zusammen mit anderen Intellektuellen wird die Familie 1922 ins Exil geschickt. Man quartiert sie in Kabinen der 3. Klasse auf einem Kreuzfahrtschiff ein, einem „Philosophenschiff“. Bei einer Fahrtunterbrechung kommt ein weiterer „Gast“ an Bord: Lenin. Die 14-jährige Anouk trifft sich nachts auf dem Deck der 1. Klasse mit dem alten und kranken Revolutionär.

Iris Wolff: Lichtungen (Roman, 2024)

Iris Wolff, 1977 in Rumänien geboren, wagt in ihrem Roman Lichtungen ein Experiment: Das
Buch kehrt die chronologische Reihenfolge um. Es beginnt mit dem Ende der Hand-
lung und dringt in die Vergangenheit vor, bis zu Levs früher Kindheit. Lev, eigentlich
Leonhard, Deutschstämmiger im Vielvölkerstaat Rumänien, lebt in einem kleinen
Dorf in den Wäldern des Nordens, dessen heimatliche Anziehung ihn nicht loslassen
will. Wir lernen bei der Zeitreise zurück, in die Zeit von Ceauşescus Diktatur und die
Epoche davor, die Ursprünge der Traumata kennen, die ihn bis heute in ihrem Bann
halten. Und wir gelangen zu den Anfängen seiner eigenartigen Beziehung zu Kato, der
selbstbewussten, künstlerisch begabten Außenseiterin, die den Ausbruch in die
Fremde braucht, um herauszufinden, wer sie ist. Am Anfang des Buchs findet das un-
gewöhnliche Paar wieder zusammen.

Heinrich Mann: Professor Unrat (Roman, 1905)

Das Buch wurde erst durch den Film „Der Blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings (1930) so richtig bekannt. Aber der Film erzählt eine ganz andere Geschichte.
Professor Raat ist ein Opfer seines Namens und der damaligen preußischen Obrigkeit. Er sieht seinen Lebenssinn zunächst im Kampf gegen die unbotmäßigen Schüler, die ihn als „Unrat“ beschimpfen. Die Begegnung mit der „Künstlerin Fröhlich“ im Blauen Engel verändert sein Leben. Er ist fasziniert von der jungen Frau. Mit ihrer Hilfe erweitert er seine Kampfzone auf die ganz Stadt, hinter der man Lübeck vermuten darf. Aus dem eher biederen Schulmeister mit humanistischen Werten wird allmählich ein Anarchist, der die ganze Gesellschaft attackiert. Dass er am Ende scheitert, hat mit dem Schüler Lohmann zu tun, der ihm von Anfang an in vieler Hinsicht überlegen ist.

Jenny Erpenbeck: Kairos (Roman von 2021)

„Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, habe, so heißt es, vorn über der Stirn eine Locke, einzig an der kann man ihn halten. Ist aber der Gott erst einmal auf seinen geflügelten Füßen vorübergeglitten, präsentiert er einem die kahle Hinterseite des Schädels, blank ist die und nichts daran ist mit Händen zu greifen. War der Augenblick ein glücklicher, in dem sie damals, als neunzehnjähriges Mädchen, Hans traf?“.

Diese Frage stellt sich Katharina aus Ost-Berlin einige Jahre später, als sie zwei Kartons mit Briefen und anderen Erinnerungsstücken ihres verstorbenen Geliebten öffnet. Inzwischen ist nämlich aus ihrer Begeisterung für den über fünfzigjährigen Hans eine zerstörerische Belastung geworden – und parallel dazu hat sich auch noch (1990) die DDR aufgelöst.
Wir werden an unserem literarischen Abend auch der Frage nachgehen, ob die Verbindung persönlicher und politischer Verwicklungen, die Jenny Erpenbeck auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen in ‚Kairos‘ rekonstruiert, tatsächlich so geglückt ist, dass ihr zu Recht der renommierte Booker-Preis verliehen wurde.

Musik und Literatur 2024

Olga Tokarczuk: Empusion (Dr. Gerhard Vogt)


Daniel Kehlmann: Lichtspiel (Renate Alber-Bussas)

Tonio Schachinger: Echtzeitalter (Brigitte Dobler-Coyle)


Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück (Roland Häcker)