Maxim Biller: Sechs Koffer (Roman, 2018)

In den sechs Kapiteln des Romans Sechs Koffer geht es um die Frage, wer schuld ist am Tod eines Mannes. Man könnte also vermuten, es handle sich um einen Kriminalroman. Eigentlich ist bei jeder Lektüre fiktiver Texte detektivischer Spürsinn gefragt: Wann und wo spielt die Geschichte? Wer erzählt sie? Welche Personen treten auf? In welcher Beziehung stehen sie? Beim Roman Sechs Koffer stellt sich insbesondere die Frage: Wie deuten die Personen ihre Erlebnisse?

Martin Walser: Ein springender Brunnen (Roman, 1998)

Eine Autobiographie wollte er auf keinen Fall schreiben, der letzten Juni verstorbene „Jahrhundert-Autor“. Dafür einen Erinnerungsroman, in dem der reflektierende Verfasser völlig dem Wasserburger Buben und Jüngling das Feld überlässt, der er einmal war. Diesen also begleiten wir, wie er, von der Notzeit nach dem ersten Weltkrieg bis zur Ratlosigkeit nach dem Ende des zweiten, sein Verhältnis findet zu den Üblichkeiten des traditionsgeprägten Dorfes, zu den moralischen Normen der Kirche und zu den Forderungen des aufkommenden Nationalsozialismus; wir erleben, was die erwachende Sexualität mit ihm anstellt und wie der zukünftige Literat schon erstaunlich früh beginnt, eine eigene Sprache zu suchen. Am Ende zelebriert der junge Kriegsteilnehmer und Überlebende eine Selbstbezogenheit, die wir heute als problematisch empfinden. Die „politische Unkorrektheit“ des Achtzehnjährigen hat ein Teil der Kritik 1998, im Jahr der Paulskirchenrede, dem missliebigen Autor Walser angelastet.

Marco Balzano: Ich bleibe hier (Roman, 2020)

In diesem Roman wird die Geschichte der jungen Lehrerin Trina eng verflochten mit der Geschichte Südtirols. Da die Faschisten die deutsche Sprache bekämpfen, bekommt Trina als Deutschsprachige keine Anstellung. Deshalb unterrichtet sie in einer der „Katakomben-Schulen“, wo in wechselnden Verstecken Kinder heimlich auf Deutsch unterrichtet werden. Wir erleben mit Trina und ihrer Familie die langen und bitteren Jahre des faschistischen Regimes und des Kriegs. Der langersehnte Frieden bringt aber eine neue Gefahr: ein großer Konzern will einen Staudamm bauen und das ganze Tal überfluten.
Marco Balzano, Jahrgang 1978, ist ein Schriftsteller und Literaturdozent aus Mailand, der in Italien verschiedene Literaturpreise erhalten hat. Sein Roman „Ich bleibe hier“ kam auf den zweiten Platz des „Premio Strega“, des wichtigsten italienischen Literaturpreises, und war vor allem in Deutschland sehr erfolgreich.

Elfi Conrad: Schneeflocken wie Feuer

„Fast alles habe ich genau so erlebt“, sagt die fast 80-jährige Autorin über ihren Roman: „Lehrer, die Mädchen schlechter benoten, weil sie die Haare offen tragen, … und Eltern, die, von den Schrecken des Dritten Reichs und des Kriegs traumatisiert, ihre Töchter vor allem gut verheiratet wissen möchten …“
Im Roman rächt sich 1962 die damals 17-jährige Dora auf ihre eigene Weise an den einengenden Verhältnissen in einer Kleinstadt im Harz diesseits der Zonengrenze. Im Rückblick schämt sich die älter gewordene Ich-Erzählerin für ihr Verhalten und fragt sich: „Waren alle Mädchen so wie ich? Wollten sie alle die Schönste, Beste, Umschwärmteste sein? Stachelte es sie umso heftiger an, je mehr Konkurrentinnen sie hatten? Sind Mädchen heute noch so?“

Gabriele Tergit: Effingers

Er gilt als ein Jahrhundertwerk, dieser umfangreiche Roman, der zum ersten Mal 1951 erschienen ist. Die einst recht bekannte Autorin erzählt die Geschichte mehrerer jüdischer Familien. Sie leben in Süddeutschland und Berlin. Die Handlung beginnt 1878 und endet in den 1940er Jahren. Die Effingers sind Handwerker, Fabrikbesitzer und Bankiers. Während der Kaiserzeit geht es ihnen gut. In der Weimarer Republik leiden sie wie alle Deutschen an der Inflation und den Folgen des Versailler Vertrags. Dann werden sie Opfer des NS-Regimes. Ein wichtiger Roman über die jüngere deutsche Geschichte und zugleich ein aktueller Beitrag zur Antisemitismus-Debatte.

Graham Greene: Orient-Express

Graham Greene, den man zu den meistbeachteten Romanciers des 20. Jahrhunderts zählen darf, ist bekannt für ungewöhnliche Schauplätze, die er als manisch Reisender selber aufs gründlichste kennen gelernt hat, und für die sehr besonderen Konflikte, in die der parteiferne Linke und unorthodoxe Katholik viele seiner Figuren bringt. Sein vierter Roman „Orient-Express“ von 1932, mit dem ihm der literarische Durchbruch gelang, ist kein Krimi wie Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ (1934), aber ein bewusst auf Spannung und Publikumswirksamkeit angelegtes Buch.
Auf engem Raum zusammengeschlossen rast eine Vielzahl von Menschen durch den winterlich trüben und politisch unsicheren Balkan nach Istanbul, in luxuriösen Schlafkabinen ruhend oder auf die Sitzbänke der Holzklasse gepfercht. Und auch hier treffen wir auf ungewöhnliche Personen: Da ist ein reicher jüdischer Geschäftsmann, der sich ständig der Vorbehalte der anderen gegenüber seiner „Rasse“ bewusst ist. Da ist eine junge Revuetänzerin, aus der Unterschicht ins Künstlermilieu gelangt, die froh sein muss, eine Krankheitsvertretung in Istanbul ergattert zu haben. Und es gibt einen geheimnisvollen älteren Herrn, der Lehrer und doch eigentlich Arzt ist und dessen aufregende politische Vergangenheit erst allmählich aufgedeckt wird … Nicht alle Passagiere kommen am vorgesehenen Zielort an.