Norbert Gstrein: Als ich jung war (Roman 2019)

Die Dissertation des studierten Mathematikers Norbert Gstrein hat den Titel: „Zur Logik der Fragen“. Vor Fragen, die lange oder auf Dauer offen bleiben, scheut er sich auch als Schriftsteller nicht. In seinem Roman „Als ich jung war“ von 2019 gibt es sie zuhauf: Ist die exzentrische Iris in der Nacht nach ihrer Hochzeitsfeier selbst von der Schlossberg-Felswand in den Tod gesprungen, oder hat ihr jemand einen Schubs gegeben? Etwa gar, wie manche argwöhnen, der Erzähler selbst, der als unlustig-routinierter Hochzeitsfotograf von Ihr provoziert worden ist? Nein, so weit wird die Unzuverlässigkeit seines Berichts nicht gehen. Aber wie war das nun wirklich mit dem Kuss, den er fast an derselben Stelle der jungen Sarah abgenötigt hat? Und warum hat er sich bald darauf nach Amerika abgesetzt, wo er erleben musste, dass sein väterlicher Freund und Skischüler am Steilhang absichtlich gegen einen Baum raste? Was ist los mit diesem gedankentiefen, ehrgeizlosen Außenseiter? Wenn er das nur selbst wüsste bzw. sich von Anfang an hätte klar machen können! Nach dreizehn Jahren im heimatlichen Tirol und in den Weiten des amerikanischen Westens kommt es in Italien zu einer ungewöhnlichen Wende – nein, kein Karrierebeginn, nicht noch eine Hochzeit nach den vielen, aber immerhin kein weiterer Todesfall. Der Schluss lautet: „… und das war ein guter Anfang.“

Referent: Dr. Gerhard Vogt

Montag, 20.06.2022 um 19:00 Uhr
Chorherrenhaus, Stiftstraße 2/1, Sindelfingen (Eingang auf der Rückseite)

Eva Menasse: Dunkelblum, Roman (2021)

In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert mit seinen Schnurrhaaren jeden Schritt.
So beginnt der Roman von Eva Menasse, die 1970 in Wien geboren wurde und heute in Berlin lebt. Darin wird nicht nur das Massaker von Rechnitz verarbeitet, bei dem am Palmsonntag 1945 an die 200 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter während einer Schlossfestivität ermordet und in ein Massengrab geworfen wurden. Nein, aus der Sicht unterschiedlicher Personen, mit Erinnerungen und Gedankenassoziationen erleben wir beim Lesen viel allgemeiner und gleichzeitig auch differenzierter unaufrichtiges menschliches Verhalten – gepaart mit Vorurteilen jeder Art – nicht bloß im Zusammenhang mit der verdrängten Vergangenheit.
Man wünschte Gott, dass er nur in die Häuser sehen könnte und nicht in die Herzen.