Sandra Hoffmann: Paula (Roman 2017)

Ob Paula eine glückliche Frau war, ehe ihr Bräutigam im Krieg starb? Jedenfalls beginnt sie irgendwann aus Angst und Scham zu schweigen. Nie gibt sie preis, von welchem Mann das Kind stammt, das sie alleine großzieht. Aber dann wird der Schutzraum des Schweigens allmählich zum Gefängnis, in dem Liebe und Empathie verkümmern. Ihre Tochter und ihre Enkelin werden nie erfahren, wer ihr Vater, wer ihr Großvater war.

Sandra Hoffmann
Sandra Hoffmann

Die Enkelin ist die Ich-Erzählerin dieser Geschichte. Sie leidet unter dem Schweigen
der Vorfahren. Wir dürfen in ihr die Autorin sehen, die sich schreibend von diesem Schweige-Druck befreien will. Aus Anlass der Literaturtage Böblingen Sindelfingen kam Sandra Hoffmann in den Sindelfinger Literaturklub und stellte ihren neuen Roman „Paula“ selbst vor.

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Adriana Altaras: Titos Brille (Lebensbeschreibung, 2001)

In Familienerzählungen spiegelt sich die Geschichte. Das gilt vor allem dann, wenn sie die Menschen zu Opfern werden lässt. Das Buch, mit dem wir uns beschäftigen, trägt den Untertitel: „Die Geschichte meiner strapaziösen Familie.“ Die Autorin ist in Zagreb geboren. Ihre Eltern waren in den jugoslawischen Bürgerkrieg verwickelt, lösten sich aber vom Kommunismus und kamen nach einer umständlichen Flucht Ende der 1960er Jahre in Deutschland an. Sie selbst setzt sich mit ihrem Judentum kritisch auseinander. Mit welchen Problemen sich ihre Familie im „geläuterten“ Deutschland herumzuschlagen hat, wie die Vergangenheit bei den Kindern der Opfer und der Täter immer noch nachwirkt und was es mit Titos Brille auf sich hat, das erzählt die Autorin lebendig, engagiert und freimütig.

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Wolfgang Schorlau: Am zwölften Tag (Roman, 2013)

In diesem siebten Fall mit dem privaten Stuttgarter Ermittler Dengler geht es, eingebettet in eine recht dramatische Handlung, um die vom Autor gründlich recherchierten Machenschaften der Nahrungsmittelindustrie, vor allem den Bereich der Intensivtierhaltung und deren Folgen. Auch die Beschäftigung von Lohnsklaven aus Osteuropa wird thematisiert.

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Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen (Roman, 2015)

Der Literaturwissenschaftler Richard versteht mit schriftlichen und mündlichen Äußerungen umzugehen. Er merkt, welcher Geist sich hinter öffentlichen Verlautbarungen verbirgt und kann Lebensgeschichten deuten, auch als Ruheständler, der er seit Kurzem ist. Beim Gang durch die Stadt fällt sein Auge auf ein Flüchtlingscamp am Berliner Oranienplatz. Bald darauf wird es geräumt. Richard schaut genauer hin. Was er sieht, was er allmählich begreift, vermittelt der Roman von Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen.

Die Menschen vom Oranienplatz sind aus Afrika Geflohene, Jahre vor dem Flüchtlingssommer 2015. An ihren exemplarischen Geschichten wird deutlich, welcher Zusammenhang zwischen „den Fremden“ und uns, der deutschen Gesellschaft, besteht.

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Michel Houellebecq: Unterwerfung (Roman, 2015)

Was wäre, wenn sich bei der Wahl zum französischen Staatspräsidenten der Kandidat der Muslimbrüder durchsetzen würde? Davon erzählt dieser „utopische Roman“, der 2015 erschienen ist, zeitgleich zum Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Die Hauptperson des Romans ist der Literaturwissenschaftler François. Er forscht über den dekadenten Schriftsteller Huysmans, führt ein etwas oberflächliches Leben mit wechselnden Beziehungen und braucht einige Zeit, bis er merkt, dass sich die französische Gesellschaft verändert. Soll er sich auch verändern?

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Hinweis:
Passagen in der Schrift Arial sind von Roland Häcker, die Teile mit der Schrift Times und dem Balken am linken Rand hat Brigitte Dobler-Coyle verfasst.

Günther Grass: Katz und Maus Novelle (1961)

Die „Danziger Trilogie“, durch die Grass berühmt wurde, ist bis heute der bekannteste Teil seines Werks. Seinerzeit mischte sich in den Beifall besonders bei „Katz und Maus“ empörter Protest von Moralbesorgten und Ritterkreuzträgern. Heute gilt die Novelle von dem Außenseiter Mahlke, den die Auffälligkeit seines Adamsapfels zu ungeahnten Kompensationsleistungen treibt, als Meisterwerk – als Musterbeispiel für die „munterschwarzen Fabeln“, die Grass laut Jury 1999 den Nobelpreis einbrachten.

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Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe (Bildungsroman 2013)

Eine vorpommersche Kleinstadt in einer Region, die zu den Wende-Verlierern zählt. Ein Gymnasium, dem wegen Schülermangels die Schließung bevorsteht. Eine alternde Lehrerin, die sich unter einem Schulleiter aus dem Westen, neben Altkommunisten und Schülerversteherinnen isoliert fühlt. Aber unbeirrt unterrichtet sie ihre Fächer Biologie und Sport; Disziplin ist selbstverständlich, Entgegenkommen unnütz. „Was sie sagte, wurde gemacht.“ …

Die junge Autorin (geb. 1980 in Greifswald) lässt uns den Bewusstseinsstrom der Protagonistin mitverfolgen, ihre Selbsttäuschungen durchschauen und schließlich ihre Krise miterleben: Sie versteht ihr eigenes Handeln nicht mehr, Verdrängtes aus der Vergangenheit tritt wieder zutage und bringt sie zum Abfall von ihrem Abgott Darwin.

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