Emmanuel Carrère: Yoga

Carrère ist ein in Frankreich sehr bekannter Autor, Journalist und Filmemacher. Seine Bücher enthalten viel Autobiographisches, was ihn manchmal auch in Schwierigkeiten bringt. Er hat In Frankreich alle großen Literaturpreise erhalten, außer dem wichtigsten, dem „Prix Goncourt“. Für diesen wurde sein Buch „Yoga“ nominiert, dann aber wieder von der Liste gestrichen aufgrund des Einspruchs seiner geschiedenen Frau, einer bekannten Journalistin.
In „Yoga“ berichtet der Autor über ein Yoga-Seminar fernab in der französischen Provinz und versucht zu ergründen, was hinter Yoga steckt. Dann überstürzen sich die Ereignisse: das Attentat auf „Charlie Hebdo“, eine leidenschaftliche neue Liebe und eine schwere Krise des Autors, der Monate in der Psychiatrie verbringt, die Arbeit in einem Flüchtlingscamp in Griechenland …
Wie hängt das alles miteinander zusammen? Man hat den Eindruck, dass etwas fehlt und Teile aus dem Buch herausgestrichen wurden. Trotzdem wurde es in Frankreich ein großer Erfolg.

Referentin: Brigitte Dobler-Coyle

Montag, 20. April 2026 um 19:00 Uhr
Wohnanlage „Bärle-Eck“ (Versammlungsraum im 1. OG)
Leonberger Str. 1 in Sindelfingen
Eingang: Obere Vorstadt (links von der Sparkasse)

Caroline Wahl: 22 Bahnen (Roman, 2023)

Tildas Tage sind bestimmt vom Studium der Mathematik, dem Job an der Supermarktkasse, der Betreuung ihrer zehnjährigen Schwester Ida und dem Kampf mit ihrer alkoholkranken Mutter – und ab und zu von ein wenig Vergnügen. Zu dritt wohnen sie in einem tristen Mehrfamilienhaus in der Fröhlichstraße 37 einer langweiligen Kleinstadt. Ihre Freunde aus der Schulzeit sind längst weg, sie leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist geblieben, notgedrungen. Denn irgendjemand muss für Ida da sein, Geld verdienen, die Verantwortung tragen. Wird sie die Chance eines Promotionsstudiums an der Berliner Humboldt-Universität dennoch wahrnehmen können?
Aber da gibt es noch Viktor, vier Jahre älter als Tilda und ebenfalls ein Ass in Mathematik …

Nelio Biedermann: Lázár (Roman 2025)

Nelio Biedermann, derzeit noch Student in Zürich, schildert in „Lázár“ die Geschicke einer ungarischen Adelsfamilie vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei hat er sich von seiner eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen. Der Roman beginnt nach der Jahrhundertwende im herrschaftlichen Waldschloss in Südungarn und endet zwei Generationen später am Zürichsee, wohin die Geschwister Eva und Pista Lázár (nunmehr ohne Adelstitel) nach dem niedergeschlagenen ungarischen Volksaufstand im Jahr 1956 geflohen sind.

Thomas Mann: Königliche Hoheit

Man kann „Königliche Hoheit“ als eine Art Märchen lesen, diesen zweiten Roman Thomas Manns. Es geht darin wie in den „Buddenbrooks“ um den Niedergang einer Dynastie. Aber im Gegensatz zur Lübecker Kaufmannsfamilie wird der Zusammenbruch durch eine finanziell attraktive Hochzeit verhindert. Prinz Klaus Heinrich ist von Geburt an mit einer Behinderung geschlagen. Obwohl vom Volk geliebt, erlebt er sich als Außenseiter. Er durchschaut die Dekadenz seiner Familie und kapiert irgendwann auch die wirtschaftlichen Probleme seines Landes. In Imma, der Tochter eines reichen Amerikaners, findet er eine Frau, die ihm entspricht. Auch sie ist eine Außenseiterin und für einen Adligen nicht standesgemäß. Doch die beiden lassen sich nicht beirren. Das alles erzählt Thomas Mann mit ironischer Heiterkeit. Wie immer versteckt er auch in dieser Geschichte viel Persönliches.

Christian Kracht: 1979 (Roman, 2001)

Zwei deutsche Globetrotter, ehemals ein Liebespaar, jetzt zerstrittene Reisepartner, kommen Anfang 1979 nach Teheran. Dort ist die Atmosphäre schon völlig bestimmt durch den unmittelbar bevorstehenden islamistische Umsturz Khomeinis. Die beiden nehmen teil an einer letzten Party von Europäern und einheimischen Nutznießern des Schah-Regimes. Nach dem ausschweifenden Fest mit Alkohol und Drogen kommt der eine der beiden, ein hochgebildeter Kunstkenner und Salonlöwe, elend zu Tode. Sein „schlichterer“ Partner, der Ich-Erzähler des Romans, nimmt sich nach diesem Schock vor, sein Leben ganz neu zu orientieren. Auf den Rat eines Esoterikers nimmt er die weite Reise zum heiligen Berg Kailash in Tibet auf sich, wo er sich, fern von seiner alten Welt des Luxus und des ästhetischen Genusses, etwas wie Erleuchtung verspricht. Dort wird er aber von chinesischen Soldaten gefangengenommen und gerät schließlich in ein kommunistisches Straflager. Aufgabe des Lesers ist es, den inneren Weg zu deuten, den der ständig Reflektierende im Grauen des chinesischen Gulag beschreitet.

Nora Bossong: Reichskanzlerplatz

Nora Bossongs Roman ‚Reichskanzlerplatz‘ von 2024 erfasst aus der Perspektive des fiktiven Ich-Erzählers Hans jene 25 Jahre, in denen sich aus der Weimarer Republik das Dritte Reich entwickelte. Aus einer jungen Frau, deren Adoptivvater ein Jude war, wurde Magda Goebbels, die Ehefrau des Propagandaministers Goebbels.
„Auf sie haben ihr Umfeld und die Schicksalsschläge, die sie erlitten hat, eingewirkt. Sie war nicht nur ein Spielstein, sondern sie hat auch aktiv Spielsteine geschoben“, sagte die Autorin am 26. Oktober 2025 in Göttingen bei der Verleihung des Edith-Stein-Preises. Dabei erklärte sie auch, dass sie sich beim Schreiben in die jeweilige Figur einfühle: „Das war bei Hans einfacher als bei Magda Goebbels.“