Literaturklub 20. Juli 2026: Musik und Literatur

Dr. Gerhard Vogt: Goldstrand von Katerina Poladjan (2025)

Eine armenische Familie will aus Russland übers Schwarze Meer emigrieren. Ein alternder Filmregisseur erzählt in Rom seiner Psychotherapeutin aus seinem Leben. Ein Architekt möchte am bulgarischen Strand durch revolutionäres Bauen die Menschen glücklich machen. Und das hängt alles miteinander zusammen. – Katerina Poladjan hat für ihr Buch den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 bekommen.

Brigitte Dobler-Coyle: Norden und Süden von Elizabeth Gaskell (1855/2025)

Ein Roman aus dem 19.Jahrhundert, aus der Zeit der großen englischen Schriftstellerinnen, die das Leben der feinen Gesellschaft so eindrücklich beschreiben haben. In so einer Umgebung wächst die Hauptperson Margaret auf. Später muss sie mit ihrer Familie in den Norden ziehen, nach Manchester, wo die Industrialisierung in vollem Gang ist. Hier lernt sie eine ganz andere Welt kennen, und gleichzeitig erlebt sie eine dramatische Liebesgeschichte.

Renate Alber-Bussas: Man kann auch in die Höhe fallen von Joachim Meyerhoff (2024)

Hinter diesem scheinbar absurden Titel verbirgt sich der sechste autobiographische Roman des Schauspielers und Schriftstellers Joachim Meyerhoff. Mit Mitte fünfzig zieht dieser, gesundheitlich angeschlagen, aus der stressigen Großstadt Berlin für mehrere Wochen weg aufs Land nach Schleswig-Holstein zu seiner 86 Jahre alten Mutter. Deren Lebensfreude und Selbstbewusstsein trägt dazu bei, dass auch der Sohn wieder aus seiner Lebenskrise herausfindet.

Roland Häcker: Im ersten Licht von Norbert Gstrein (2026)

Der Held dieses Romans, Adrian Reiter, ist eigentlich ein Anti-Held. Trotz seines Namens hat er in seinem ganzen Leben nie auf einem Pferd gesessen. Aber er liebt die Kavallerie. Reiter ist 1901 in Österreich geboren, in der „Welt von gestern“. Er kommt aus einfachen Verhältnissen. Der Vater ist Postbeamter, Sozialist und Pazifist. Damit sein Sohn nicht in den Krieg muss, schlägt er ihm mit der Axt ins Bein. Aber vom Krieg kommt er nicht los.

Chinua Achebe: Alles zerfällt (Things fall apart) (Roman, 1958)

„Afrika, dunkel lockende Welt“ – der deutsche Titel von Tania Blixens Bestseller ist typisch für die Art, wie Afrika lange Zeit in der Literatur präsent war: gesehen von Europäern, also fremd und undurchschaubar. Inzwischen haben afrikanische Autorinnen und Autoren sich zu Wort gemeldet und begonnen, diese Außensicht zu kritisieren, besonders lebhaft am Beispiel von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ (im Literaturklub vorgestellt im November 2017). Und es gibt weltweit gelesene und anerkannte eigene Werke von Einheimischen über das eigene Land. Am Anfang dieser selbstbewussten afrikanischen Literatur steht der Nigerianer Chinua Achebe (1930 – 2013) mit seinem Erstling „Alles zerfällt“ von 1958. Der Roman wird bis heute in enormen Auflagen gedruckt und in aller Welt gelesen und studiert.

Die Bewohner des kriegerischen und selbstbewussten Ibo-Dorfes Umuofina, im Südosten des heutigen Nigeria, leben ein von uralten Sitten und Vorstellungen bestimmtes, mitreißend vitales Leben, für uns nicht ohne befremdliche Züge. Das Auftauchen von Weißen, als englische Kolonialverwalter und christliche Missionare, führt zum Zusammenbruch der alten Ordnung und spaltet die bisherige Geschlossenheit. Der ehrgeizige Protagonist Okunkwo, der sich im Ibo-Dorf zu einem bedeutenden und geehrten Mann emporgearbeitet hat, kann sich mit den neuen Verhältnissen nicht zurechtfinden und nimmt ein schlimmes Ende.

Achebe hat die alte Welt, die hier am Ende des 18. Jahrhunderts der Fragmentierung entgegengeht, beinahe noch selbst miterlebt: Ihn, den Sohn eines britisch geschulten Katecheten, haben der Großvater und andere Verwandte als eingefleischte „Traditionalisten“ noch am Leben in der Weise der Vorfahren teilhaben lassen. Wenn jemand, dann war er prädestiniert, den Zusammenstoß der beiden Kulturen wiederzugeben.

Emmanuel Carrère: Yoga

Carrère ist ein in Frankreich sehr bekannter Autor, Journalist und Filmemacher. Seine Bücher enthalten viel Autobiographisches, was ihn manchmal auch in Schwierigkeiten bringt. Er hat In Frankreich alle großen Literaturpreise erhalten, außer dem wichtigsten, dem „Prix Goncourt“. Für diesen wurde sein Buch „Yoga“ nominiert, dann aber wieder von der Liste gestrichen aufgrund des Einspruchs seiner geschiedenen Frau, einer bekannten Journalistin.
In „Yoga“ berichtet der Autor über ein Yoga-Seminar fernab in der französischen Provinz und versucht zu ergründen, was hinter Yoga steckt. Dann überstürzen sich die Ereignisse: das Attentat auf „Charlie Hebdo“, eine leidenschaftliche neue Liebe und eine schwere Krise des Autors, der Monate in der Psychiatrie verbringt, die Arbeit in einem Flüchtlingscamp in Griechenland …
Wie hängt das alles miteinander zusammen? Man hat den Eindruck, dass etwas fehlt und Teile aus dem Buch herausgestrichen wurden. Trotzdem wurde es in Frankreich ein großer Erfolg.

Caroline Wahl: 22 Bahnen (Roman, 2023)

Tildas Tage sind bestimmt vom Studium der Mathematik, dem Job an der Supermarktkasse, der Betreuung ihrer zehnjährigen Schwester Ida und dem Kampf mit ihrer alkoholkranken Mutter – und ab und zu von ein wenig Vergnügen. Zu dritt wohnen sie in einem tristen Mehrfamilienhaus in der Fröhlichstraße 37 einer langweiligen Kleinstadt. Ihre Freunde aus der Schulzeit sind längst weg, sie leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist geblieben, notgedrungen. Denn irgendjemand muss für Ida da sein, Geld verdienen, die Verantwortung tragen. Wird sie die Chance eines Promotionsstudiums an der Berliner Humboldt-Universität dennoch wahrnehmen können?
Aber da gibt es noch Viktor, vier Jahre älter als Tilda und ebenfalls ein Ass in Mathematik …

Nelio Biedermann: Lázár (Roman 2025)

Nelio Biedermann, derzeit noch Student in Zürich, schildert in „Lázár“ die Geschicke einer ungarischen Adelsfamilie vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei hat er sich von seiner eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen. Der Roman beginnt nach der Jahrhundertwende im herrschaftlichen Waldschloss in Südungarn und endet zwei Generationen später am Zürichsee, wohin die Geschwister Eva und Pista Lázár (nunmehr ohne Adelstitel) nach dem niedergeschlagenen ungarischen Volksaufstand im Jahr 1956 geflohen sind.

Thomas Mann: Königliche Hoheit

Man kann „Königliche Hoheit“ als eine Art Märchen lesen, diesen zweiten Roman Thomas Manns. Es geht darin wie in den „Buddenbrooks“ um den Niedergang einer Dynastie. Aber im Gegensatz zur Lübecker Kaufmannsfamilie wird der Zusammenbruch durch eine finanziell attraktive Hochzeit verhindert. Prinz Klaus Heinrich ist von Geburt an mit einer Behinderung geschlagen. Obwohl vom Volk geliebt, erlebt er sich als Außenseiter. Er durchschaut die Dekadenz seiner Familie und kapiert irgendwann auch die wirtschaftlichen Probleme seines Landes. In Imma, der Tochter eines reichen Amerikaners, findet er eine Frau, die ihm entspricht. Auch sie ist eine Außenseiterin und für einen Adligen nicht standesgemäß. Doch die beiden lassen sich nicht beirren. Das alles erzählt Thomas Mann mit ironischer Heiterkeit. Wie immer versteckt er auch in dieser Geschichte viel Persönliches.