Julian Barnes: Der Lärm der Zeit (Roman, 2017)

Hätte die Schwedische Akademie dieses Jahr dem Engländer Julian Barnes den Literaturnobelpreis verliehen, wäre es mit Sicherheit zu keiner Debatte darüber gekommen. Er wird seit einiger Zeit als Geheimfavorit gehandelt und gilt als Meister der Kürze und des literarischen Understatements.
Im Zentrum des Romans steht der sowjetrussische Komponist Dmitri Schostakowitsch, der bis zu seinem Tod 1975 in Ost und West umstritten war: Warum komponierte er eine Sinfonie, die den Kampf seiner Heimatstadt Leningrad gegen die deutschen Belagerer verherrlichte? Weshalb war er bereit, nach dem Zweiten Weltkrieg die sowjetische Kulturpolitik bei einer sog. Friedenskonferenz in New York zu verteidigen und den ins Exil gegangenen Strawinsky zu verunglimpfen? Wieso wurde er Mitglied der KPdSU und nicht in ein Arbeitslager gesteckt wie viele seiner künstlerisch tätigen Zeitgenossen?
In drei ausgewählten Episoden lässt uns der personale Erzähler in zugespitzter Form teilhaben an den Gewissensbissen und Grübeleien, an den widersprüchlichen Verhaltensweisen und dem insgeheim regimekritischen Gedankenstrom seiner Hauptperson: „Eine Seele konnte auf dreierlei Art zerstört werden: durch das, was andere einem Menschen antaten; durch das, was ein Mensch sich selbst antat, weil andere ihn dazu trieben; und durch das, was ein Mensch sich aus freien Stücken selbst antat“.

Montag, 16.12.2019 um 19:00 Uhr
Chorherrenhaus, Stiftstraße 2/1, Sindelfingen

Referentin: Renate Alber-Bussas

Sasa Stanisic: Vor dem Fest (Roman, 2014)

In der Nacht vor dem Fest in Fürstenfelde, einem Dorf in der Uckermark, schlafen fast alle. Doch einige sind wach und unterwegs: der ehemalige NVA-Oberst Schramm, der über den Sinn seines Lebens nachsinnt, die Malerin Kranz, die am See ein Nachtbild für die Auktion am nächsten Tag malt, Frau Schwermuth vom Haus der Heimat, aber auch Anna. Sie joggt ein letztes Mal durch Fürstenfelde. Neue und alte Geschichten reihen sich aneinander und fügen sich zum Roman einer langen Nacht, einem Mosaik dörflichen Lebens. Alteingesessene und Zugezogene, Verstorbene und Lebende, Handwerker, Rentner, Junge und Alte treffen aufeinander.

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Anna Katharina Hahn (geb.1970): Gespräch über Literatur und Lesung: Das Kleid meiner Mutter (Roman 2016)

Die ersten beiden Romane von Anna Katharina Hahn, mit denen sie so viel Anerkennung bei Publikum und Kritik fand, spielen im bürgerlichen Milieu des heimatlichen Stuttgarter Raums. „Das Kleid meiner Mutter“ greift weiter aus, vor allem nach Madrid, wo eine junge Generation sich im Krisenjahr 2012 um ihre Lebenschancen betrogen sieht. Verknüpft mit der wirklichkeitsnahen Schilderung von prekärem Leben sind aber surreale Elemente, die in der Tradition der deutschen Romantik stehen. Schließlich macht die Figur eines geheimnisumwobenen Schriftstellers das Werk zu einer Art von Künstlerroman. Über diesen ungewöhnlichen Charakter des Buchs können wir mit der Autorin ins Gespräch kommen – und hoffentlich auch erfahren, in welche Richtung ihr literarischer Weg mit dem nächsten Werk führt, das wir bald erwarten dürfen.

Anna Katharina Hahn (2018)
Anna Katharina Hahn auf der Frankfurter Buchmesse 2018 (Foto von Heike Huslage-Koch unter Creative Common Lizenz BY-SA40)

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Italo Calvino (geb. 1923): Der Baron auf den Bäumen (Roman, 1957)

Eine italienische Adelsvilla im Jahre 1767: Der zwölfjährige Sohn des Barons verlässt verärgert den Mittagstisch und steigt auf die große Eiche vor dem Haus. Und er beschließt, sein ganzes Leben auf den dicht beieinander wachsenden Bäumen Liguriens zu verbringen.
Aus dieser absurden Ausgangssituation entwickelt Calvino eine Erzählung, die sich dem Spiel der Fantasie verdankt, die aber auch das Bild einer wichtigen Epoche der europäischen Geschichte zeichnet – Voltaire und Napoleon treten in Erscheinung. Hinter dem bunten Kaleidoskop der Episoden stehen politisch-philosophische Vorstellungen des Autors Calvino, eines der bedeutendsten italienischen Schriftsteller seiner Epoche, der vom Idealismus des antifaschistischen Partisanenkampfs im Zweiten Weltkrieg geprägt war.

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Natascha Wodin (geb. 1945): Sie kam aus Mariupol (Roman, 2017)

Als Kind von Zwangsarbeitern 1945 in Deutschland geboren, in einer Siedlung für Heimatlose und Gestrandete aufgewachsen, als „Russenkind“ verspottet und isoliert – die Ich-Erzählerin hatte lange Zeit den Wunsch, ihre Herkunft zu vergessen und sich ganz an ihre deutsche Umgebung anzupassen. Erst Jahrzehnte später, in fortgeschrittenem Alter beginnt sie, über die Familie ihrer Mutter zu recherchieren – dabei kommt Erstaunliches zutage.

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Jane Gardam (geb. 1928): Ein untadeliger Mann (Roman, 2015)

Alles an Edward Feathers ist ohne Fehl und Tadel – seine Garderobe, die Manieren und sein Ruf als Anwalt mit glänzender Karriere in Hongkong. Nun ist er alt und muss mit dem Tod seiner Frau Betty fertig werden. Aber er ist eigentlich immer mit allem gut zurechtgekommen. Aber seine perfekte Haltung täuscht alle – manchmal sogar ihn selbst. Denn mit Bettys Tod hat sich etwas verändert. Feathers fängt an, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. An einem kalten englischen Wintermorgen bricht er auf, um das eigene Leben zu erkunden.

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E.T.A. Hoffmann (1776-1822): Der goldne Topf (Novelle, 1814)

E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) war belobigter Jurist, gemaßregelter Karikaturist, Kapellmeister, Alkoholiker und vieles andere; erst spät trat er als Schriftsteller hervor, von Goethe als „krank“ abgelehnt, hochgeschätzt von Heine (und anderen: Balzac, Uwe Tellkamp …); er komponierte Opern und wurde selbst Held einer Oper („Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach) – ein Mann, beinahe so bizarr wie die Gestalten seiner Werke.
Das Werk, mit dem er seinen Durchbruch erzielte und das sein größter Erfolg blieb, ist „Der goldne Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit“.

Der arme Student Anselmus, der gerne einmal Hofrat würde, begegnet mitten in Dresden einer boshaften Marktfrau, die eigentlich eine Zauberin, und einer goldgrünen Schlange, die eigentlich ein bezauberndes Mädchen ist. Er findet sich in eine Kristallflasche eingeschlossen, kommt wieder frei, wird aber kein Hofrat, sondern – ja, was eigentlich, fragt sich der Leser, der sich zwischen handfester Realität, Traum, Rausch und Fantasie zu orientieren versucht.

Ein raffiniert erzähltes Stück Literatur, das uns einlädt, selbst das beglückende „Leben in der Poesie“ zu wagen.

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