Eine Frau erzählt ihr Leben. So könnte man sagen, aber der Satz trifft nicht zu. Sie skizziert allenfalls Teile ihres Lebens, ausführlicher nur ein paar Wochen ihrer Jugend, als sie, die 18-Jährige, die Chance hatte, als „zersägte Jungfrau“ nach Singapur zu reisen, und gut ein Jahr, in dem sie, nunmehr 47, in einem Haus am Deich lebt und sich prüft, ob sie dort bleiben will. Trägt die Beziehung zum Schweinezüchter Arild? Ist die Nachbarin Mimi so nett, dass sich das Bleiben im Dorf lohnt? Kann sie es länger mit ihrem Bruder Sascha aushalten, in dessen Kneipe sie arbeitet? Wird sie es ertragen, dass ein Marder im Dachgeschoss ihres Häuschens sein störendes Unwesen treibt? Und dann die Hitze …
Judith Hermann erzählt in einer knappen, präzisen Sprache, die zugleich offen ist für diverse Deutungen. Stimmen die Erinnerungen an unser Leben? War es so oder war es ganz anders?
Helga Schubert: Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten (2020)
Die Autorin, Jahrgang 1940, ist eine Schriftstellerin aus dem Osten Deutschlands. In der DDR wurde sie zeitweise von der Stasi beobachtet und durfte 1980 nicht zum Bachmann-Wettbewerb ausreisen. Nach der Wende, die sie als eine große Befreiung erlebte, konnte sie dann endlich an diesem Wettbewerb teilnehmen. 2020 erhielt sie für „Vom Aufstehen“ den Bachmann-Preis, als älteste Preisträgerin, die es je gab.
Man könnte es einen „Bilderbogen ihres Lebens“ nennen, was sie uns in den 29 Geschichten dieses Buches präsentiert. Helga Schubert hat viel erlebt, doch ihr Blick geht über das eigene Erleben hinaus. Im Privaten spiegelt sich bei ihr immer das Politische. So wird ihr sehr persönliches Buch auch zu einer Erzählung über 80 Jahre deutscher Geschichte.
Martin Mosebach: Mogador (Roman 2016)
In der marokkanischen Hafenstadt Essaouira, hier mit dem alten Namen Mogador genannt, wo das traditionelle maghrebinische Milieu und die Smartphone-Moderne in einem unverlässlichen staatlichen Rahmen koexistieren, treffen zwei höchst verschiedene Personen zusammen: der junge deutsche Banker Patrick Elff, der aus Angst vor Strafverfolgung hier Zuflucht bei einem vermeintlichen Patron sucht, und die Selfmade-Geschäftsfrau und Puffmutter Khadija, die ganz der alten Welt der Dschunat-Geister und Wahrsager verhaftet ist. So unterschiedlich die Hauptcharaktere, so verschiedenartig der überraschende Ausgang.
Francesca Melandri: Alle, außer mir (Roman, 2018)
Der dritte Roman der in Italien für ihre TV-Drehbücher bekannten Autorin ist eine Reise in die italienische Seele, so zitiert der deutsche Klappentext die Tageszeitung La Repubblica.
Otello – Attilio – Ilaria – Shimeta Ietmgeta Attila Profeti – diese Namen verbindet eine spannende Familiengeschichte, die uns nicht nur von Berlusconi im Jahr 2010 in die Zeit des Faschismus und zu den kolonialen Aktivitäten Italiens im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zurückführt, sondern auch wieder näher zu uns und den überfüllten Schlauchbooten, die heutzutage im Mittelmeer an der Küste von Lampedusa anlegen. „Das Interessante bei allen meinen Lesungen war, da ist immer jemand aufgestanden und hat einfach mitgeteilt, ja, bei mir ist das auch passiert, das war mein Vater oder mein Großvater oder mein Onkel.“ (Deutschlandfunk Kultur, 2.10.18)
Hier gibt es das Referat als PDF-Datei (17 Seiten) zum Herunterladen.
Literatur und Musik: Vorstellung von Romanen
Artikel in der SZ/BZ
Hier der Artikel von Bernd Heiden in der SZ/BZ (für Abonnenten). Für alle Nicht-Abonnenten hat die SZ/BZ der Veröffentlichung auf unserer Seite dankenswerterweise zugestimmt – hier gibt es daher den Artikel zum Herunterladen als PDF.
Quelle: Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung (SZ/BZ)

Dörte Hansen: Mittagsstunde
Dörte Hansen hat in ihrem zweiten Roman die Thematik ihres Debütromans „Altes Land“ weitergesponnen. Nun geht es nicht mehr nur um die Veränderungen des dörflichen Lebens in den letzten Jahrzehnten, sondern auch um ein facettenreiches Beziehungsgeflecht zwischen Jung und Alt, dargestellt in nachdenklich machenden Stimmungsbildern, die an Theodor Storm und Emil Nolde erinnern. Musikalische Anspielungen tragen geschickt zur Verlebendigung vergangener Zeiten bei. Die Autorin, die inzwischen vom Alten Land in ihre Heimatstadt Husum gezogen ist, nimmt uns beim Lesen behutsam mit in ihre nordfriesische Welt.
Referat von Renate Alber-Bussas und Renate Fischer zum Herunterladen.
Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos
Heldin ja, Heilige nein!
Sie habe „eine Hommage, keine Hagiographie“ verfasst, eine Huldigung, aber keine Heiligenlegende, sagt die Autorin über das Buch, für das sie den Deutschen Buchpreis 2020 erhalten hat. Sie ist fasziniert von der heute 97 Jahre alten, immer noch höchst lebendigen Anne Beaumanoir, der Kämpferin und menschenfreundlichen Helferin, die in der Résistance gegen die deutschen Besatzer und dann im algerischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich ihr Leben eingesetzt hat, und widmet ihr ein „Epos“, eine Gattung, die Männern vorbehalten schien. Sie, oder jedenfalls die im Werk präsente Erzählerin, lässt aber erkennen, dass ihre radikale Protagonistin für sie nicht eine Idealfigur ist, sondern eine Person, deren Einstellungen und Entscheidungen sie kritisch-liebevoll reflektiert.
Referat von Dr. Gerhard Vogt zum Herunterladen.
Benedict Wells: Hard Land
„Es ist ein hartes Land, und es wird dir alles abverlangen“, heißt es in dem Versepos „Hard Land“ des Dichters William J. Morris, der in der Kleinstadt Gradys, Missouri, gelebt hat. Es gibt den Dichter, besagtes Epos und die kriselnde Stadt Gradys – allerdings nur in Benedict Wells‘ Roman. Darin erzählt er von dem schüchternen, etwas ängstlichen 15-jährigen Sam, der in den Sommerferien 1985 „Hartes“ durchmachen muss, aber auch Schönes erlebt. Schlimm in diesem Sommer ist der Tod seiner geliebten Mutter, die an Krebs erkrankt war. Das Schöne ist die Freundschaft mit Cameron, Hightower und Kirstie, die zwei Jahre älter sind als Sam und demnächst studieren werden.
Referat von Roland Häcker zum Herunterladen.
Lesezeichen: Eva Christina Zeller – dekanatsquitte
Das Gedicht „dekanatsquitte“ der Tübinger Lyrikerin Eva Christina Zeller stammt aus ihrem jüngsten Gedichtband „Proviant von einer unbewohnten Insel“. Mit der Überschrift wird der größte Teil der Lesenden wenig anfangen können (was bei Lyrik ja nicht so unüblich ist). Sie lässt sich aber erklären: Es geht um einen Quittenbaum im Tübinger „Dekanatsgarten“, dem Garten zwischen dem Evangelischen Dekanatsgebäude (in dessen Gartengeschoss die Autorin wohnt) und dem Neckar. Und so wissen wir: Wir befinden uns etwa 250 Meter vom Hölderlinturm (und der „Hölderlinquitte“) entfernt.

Hier ist das Lesezeichen als PDF zum Herunterladen (4 Seiten).
Autor: Dr. Gerhard Vogt
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