Eigentlich wollte Dr. Vogt nur – als heitere Zwischengabe in der unfreiwilligen Vakanz – sein bekanntestes Poem präsentieren, sein Gebet zum (wie es in schöner Verdopplung heißt) heiligen Sankt Nepomuk; aber er fand Werk und Vita des Mannes bei erneuter Beschäftigung so interessant, dass er Ihnen ein wenig mehr über ihn darbieten möchte. Es geht um Josef Eberle (vielen eher bekannt als Sebastian Blau), 1901 – 1986, „Poet und Publizist“ – geboren in Rottenburg am Neckar, 10 km flussaufwärts von Tübingen, in der einst vorderösterreichisch-katholischen Landstadt, die 1805 an Württemberg fiel.
Hinweis: im PDF befindet sich eine Tondatei, diese ist mit Adobe Reader abspielbar, sobald man dem Dokument „vertraut“ hat (gelbe Leiste oben). Wem das suspekt ist, der kann die Tondatei auch schlicht hier direkt anhören.
Achill Moser (geb. 1954): Sehnsuchtsorte Arnold Stadler (geb. 1954): Am siebten Tag flog ich zurück Christof Hamann (geb. 1966): Usambara
„Auch wenn seit ein paar Wochen mein Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte von anderen globalen Ereignissen verdrängt worden ist, habe ich meine vergleichende Lektüre zeitgenössischer deutscher Darstellungen von Gurnahs Verlorenem Paradies in Sansibar und Tansania zum Abschluss gebracht und einen Beitrag dazu erstellt. Er möge unsere Leserschaft für eine Weile auf andere Gedanken bringen“.
Paradise (1994) deutsch Das verlorene Paradies (Penguin 2021 neu ediert) mit Afterlives (Bloomsbury 2020 – noch nicht in deutscher Übersetzung)
„Es gibt eine Menge Historiker, die sich mit der deutschen Kolonialgeschichte beschäftigen. Trotzdem hat die deutsche Öffentlichkeit nur geringes Interesse an dem, was diese Leute herausfinden. Ich würde das gar nicht auf Bösartigkeit zurückführen, ich sehe keine aktive Weigerung, diesen Teil der Geschichte wahrzunehmen. Eher einen Mangel an Wissen.“, so äußerte sich am 4.12.2021 Abdulrazak Gurnah im Spiegel, kurz bevor ihm der Literaturnobelpreis für dieses Jahr überreicht wurde. Wenn man die beiden Romane Paradise und Afterlives liest, wird diese Wissenslücke um einiges kleiner: Im Verlorenen Paradies trifft der jugendliche Yusuf südlich des Kilimandscharo kurz vor 1900 auf die deutsche Schutztruppe. Im Roman Afterlives lernen wir dort eine vielfältige, multikulturelle Gesellschaft kennen und erfahren deren Veränderung bis in die 1960er Jahre – nicht nur unter deutschem Einfluss.
Das Gedicht „dekanatsquitte“ der Tübinger Lyrikerin Eva Christina Zeller stammt aus ihrem jüngsten Gedichtband „Proviant von einer unbewohnten Insel“. Mit der Überschrift wird der größte Teil der Lesenden wenig anfangen können (was bei Lyrik ja nicht so unüblich ist). Sie lässt sich aber erklären: Es geht um einen Quittenbaum im Tübinger „Dekanatsgarten“, dem Garten zwischen dem Evangelischen Dekanatsgebäude (in dessen Gartengeschoss die Autorin wohnt) und dem Neckar. Und so wissen wir: Wir befinden uns etwa 250 Meter vom Hölderlinturm (und der „Hölderlinquitte“) entfernt.
Eva Christina Zeller. Foto von Yvonne Berardi
Hier ist das Lesezeichen als PDF zum Herunterladen (4 Seiten).
„Mädchen, Frau etc.“ erschien Anfang 2021 auf Deutsch. Ende 2019 erhielt die 60-jährige Schriftstellerin Bernardine Evaristo (Tochter eines Schweißers aus Nigeria und einer Lehrerin aus London) für diesen außergewöhnlichen Roman den renommierten Booker-Prize – gemeinsam mit Margaret Atwood für „Die Zeuginnen“.
Als Rahmenhandlung dient eine Premiere im Londoner Nationaltheater, zu der die farbige Theatermacherin Amma Bonsu zahlreiche Bekannte, Freunde und ihre Tochter eingeladen hat. Während diese dort eintreffen, gibt die Erzählerin ihnen Gelegenheit, über ihre teilweise rassistischen Erfahrungen in England, ihre Beziehung zu Amma und vor allem über ihre ethnische Herkunft zu reflektieren. Dabei spannt sich der Bogen von der 19-jährigen, etwas flippigen Tochter Yazz über den Mann, durch dessen Samenspende sie gezeugt wurde, bis hin zu Grace, der Mutter der 93-jährigen Hattie, die ihre vielköpfige Familie zu Weihnachten auf ihren Bauernhof in Yorkshire eingeladen hat.
Amanda Gorman – so heißt die 23-jährige junge Dame, die am 20. Januar 2021 in Washington, D.C. bei der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten ihr Gedicht The Hill We Climb vorgetragen und dabei Joe Biden und Kamala Harris fast die Schau gestohlen hat – damit nicht genug: bei der Übersetzung des Textes ins Niederländische gab es fünf Wochen später eine heftige Debatte – ohne Beteiligung der Autorin – zu der Frage, ob solch ein Text übersetzt werden darf, ohne dass man oder frau dem gleichen ethnischen, gendermäßigen und soziokulturellen Hintergrund angehört.
Foto: Navy Petty Officer 1st Class Carlos M. Vazquez II
Das veranlasste den Verlag Hoffmann und Campe, für die deutsche Übersetzung ein sogenanntes ‚erfahrungsdiverses‘ Team von drei Frauen zu engagieren und schließlich eine zweisprachige Ausgabe herauszugeben.
Wir im Literaturklub gehen nun das Wagnis ein, den neuen Roman von Bernardine Evaristo (1959 als Kind einer Mutter aus London und eines Vaters aus Nigeria geboren) vorzustellen, in welchem es um zwölf miteinander verwobene Frauenschicksale und deren ethnischen Hintergrund geht. 2019 erhielt sie dafür zusammen mit Margaret Atwood (Der Report der Magd und Die Zeuginnen) den Booker Prize für den besten englischsprachigen Roman. Zur Einführung in den ihr eigenen poetischen Stil haben wir ein in englischer Sprache vorliegendes Gedicht ausgewählt, in dem sich die Autorin mit unserer Zeit in der Covid19-Pandemie befasst.
Die folgende deutsche Übersetzung durch einen Mann (Dr. Gerhard Vogt) entstand auf Bitten einer Frau (Renate Alber-Bussas) unter Mitwirkung von zwei weiteren Frauen (Dr. Vogts Ehefrau und Tochter) und einem Philologen mit englischer Muttersprache. Nach dem Vorbild des Verlags Hoffmann und Campe haben auch wir uns entschlossen, die englische Originalfassung beizufügen.
Die damit verbundene Hoffnung ist, dass keine Rechtfertigungsdiskussion darüber entsteht, sondern dass Sie mit Interesse unser Referat Anfang Mai erwarten und vielleicht sogar anfangen, den Roman zu lesen …
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