Um einen Mann geht es und um ein Stück, das er geschrieben hat. Es handelt von einer Phase des Bauernkriegs, vom schwäbischen „Armen Konrad“ von 1513, und passt damit genau in den Rahmen der Sindelfinger Biennale. Der Verfasser Friedrich Wolf, Arzt, linker Aktivist und überaus fruchtbarer Schriftsteller, lebte einige Zeit in Hechingen, in der Region der historischen Ereignisse, bei dem Menschenschlag, der damals rebellierte. Das Drama, zu dem er hier inspiriert wurde, machte ihn berühmt: Es wurde uraufgeführt im Staatstheater Stuttgart und nachgespielt auf den renommierten Bühnen Deutschlands, aber auch in Freilufttheatern vor jeweils tausend Zuschauern. Hat es Wolf gelockt, die Details des historischen Ablaufs getreu auf die Bühne zu bringen? Nicht so sehr, er erlaubt sich deutliche Abweichungen von dem, was tatsächlich geschehen ist. Wolf will vielmehr diesen Aufstand als typisches Teilstück der „großen Sache“ darstellen, die in der Geschichte Schritt für Schritt ihrer Vollendung entgegengeht, des Kampfs des gemeinen Mannes gegen die Herrschaft der Ausbeuter. Nicht zufällig hat Wolf 1945 bei der Heimkehr aus dem Exil die DDR als neue Heimat gewählt, wo seine Söhne große Karriere machten.
Kategorie: Begleitmaterial
Bodo Kirchhoff: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt (Roman 2024)
L. A. Schongauer spielte in Hollywoodfilmen den bösen Deutschen. Nach dem Unfalltod seiner Frau Magda hat er sich an den Gardasee zurückgezogen. Allein mit unguten Erinnerungen und nur in der Gesellschaft der Hündin Ascha lebt er in einem zerfallenden Haus am Hang des Sees, umgeben von einem paradiesischen Garten. Dann strandet die 26 Jahre alte Reisebloggerin Frida mit ihrem Wohnwagen in seiner Zufahrt, und am nächsten Tag trifft die 49-jährige Journalistin Almut Stein ein, die ein Porträt über ihn schreiben will. Überdies kommt auch noch Fridas Mutter. Mehrere sehr lebendige Frauen also und einige tote, die in seiner Erinnerung weiterleben, versetzen den herzkranken 75-Jährigen in Unruhe und konfrontieren ihn mit den traumatischen Erlebnissen der Vergangenheit.
Martina Hefter: Hey guten Morgen, wie geht es dir? Roman (2024)
Martina Hefter, geb. 1965, hat für ihren 2024 erschienenen Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ neben anderen Auszeichnungen den Deutschen Buchpreis erhalten.
Die zentrale Figur ist Juno, wie die Autorin selbst schon über 50 und immer noch als Performance-Künstlerin und Tänzerin aktiv. Die hochsensible Frau ist eigentlich nur auf der Bühne sie selbst, im täglichen Leben muss sie eine Rolle spielen, die eines normalen Menschen. Unermüdlich reflektiert sie, über Ausbeutung in allen möglichen Bereichen, über Astronomisches, über ihre Kindheit als gemiedene Außenseiterin. Weil sie nicht schlafen kann, ist sie nachts, wenn ihr MS-kranker Mann im Nebenzimmer eingeschlafen ist, im Netz unterwegs und macht sich auf verschiedenen Kanälen gern über junge Männer aus anderen Kontinenten lustig, die mit der weißen Lady eine Beziehung aufnehmen wollen. Aus solchen Chats stammt auch der flapsige Titel des Buchs. Einmal aber versucht ein Mann aus Nigeria sein Glück bei ihr, bei dem sie den Kontakt nicht so einfach abbrechen kann …
Han Kang: Die Vegetarierin (2007) und Griechischstunden (2011)
„Ich hatte einen Traum“, so begründet die weibliche Hauptperson im ersten Roman ihre Entscheidung, keine tierischen Produkte mehr zu sich zu nehmen. Beim Lesen merkt man schnell, dass mehr dahintersteckt. In drei Perspektiven (Ehemann, Schwager und Schwester) wird die Geschichte einer bis dahin pflichtbewussten Hausfrau erzählt, die nicht nur Fleisch, sondern danach auch sämtliche Aufgaben verweigert, die ihr in der patriarchalen Gesellschaft Südkoreas um die Jahrtausendwende aufgebürdet werden.
In „Griechischstunden“ stehen zwei in sich gekehrte Menschen im Zentrum: ein erblindender Mann, der Altgriechisch unterrichtet, und eine seiner Schülerinnen, die ihre Stimme verloren hat. Beide sind Mitte Dreißig; ihre zaghafte Annäherung wird durch wechselnde Perspektiven und poetische Verdichtung atmosphärisch gut nachvollziehbar präsentiert.
Die weiblichen Gestalten in den beiden Romanen haben viele Gemeinsamkeiten, während die männlichen Figuren sehr unterschiedlich dargestellt sind. Insofern ergänzen und erhellen sich die Texte gegenseitig.
Patrick Modiano: Unfall in der Nacht (Roman 2003)
Der französische Nobelpreisträger des Jahres 2014 Patrick Modiano, der in seiner Heimat alle nur denkbaren Preise erhalten hat, ist in Deutschland nur wenig bekannt. Liegt es daran, dass seine Welt eine so ganz und gar französische ist? Dass Paris der Dreh- und Angelpunkt all seiner Geschichten ist?
Der Ich-Erzähler, ein junger Mann, lebt allein in Paris, ohne Familie, ohne Einkommen, ohne Perspektiven. Tagelang streift er durch die Straßen der Stadt und macht sich Gedanken über sein Leben. Dazwischen gibt es flüchtige Begegnungen mit Passanten, Unterhaltungen im Café, einmal auch eine kurze Liebesbeziehung. Eines Nachts wird er mitten in Paris von einem Auto angefahren. Von nun an setzt er alles daran, die Fahrerin, eine „junge Frau im Pelzmantel“, wiederzufinden. Immer stärker wird in ihm die Überzeugung, dass dieser Unfall eine Wendung in seinem Leben bedeuten könnte.
Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff (Lesung mit verteilten Rollen)
Die hundert Jahre alte österreichische Architektin Prof. Anouk Perleman-Jacob bittet einen Schriftsteller, bisher Unbekanntes aus ihrem Leben aufzuschreiben. Anouk ist 1908 in Sankt Peters-burg geboren. Sie erlebt die dramatischen Anfänge der bolsche-wistischen Herrschaft. Zusammen mit anderen Intellektuellen wird die Familie 1922 ins Exil geschickt. Man quartiert sie in Kabinen der 3. Klasse auf einem Kreuzfahrtschiff ein, einem „Philosophenschiff“. Bei einer Fahrtunterbrechung kommt ein weiterer „Gast“ an Bord: Lenin. Die 14-jährige Anouk trifft sich nachts auf dem Deck der 1. Klasse mit dem alten und kranken Revolutionär.
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