2019 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis
Mit den Augen und Ohren von zwei Halbbrüdern, deren senegalesischer Vater am Ende der sechziger Jahre in Ost-Berlin und Leipzig studierte, verfolgen wir zunächst die Probleme alleinerziehender Mütter, die letzten Jahre vor dem Mauerfall, die überschwänglichen Freiheitsgefühle danach und Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus.
Die beiden männlichen Hauptpersonen sind völlig unterschiedlich und somit auch ihre jeweiligen Partnerinnen und Lebensverhältnisse. Dies spiegelt sich in wechselnden Sprachstilen und Erzählhaltungen. Die Überschriften der beiden Hauptteile charakterisieren Mick als ‚Der Mitreisende‘, der zu vielerlei bereit ist, auch zum Schmuggeln von Kokain, und Gabriel als ‚Der Fremde‘, dem es schwerfällt, sich anderen Menschen zu öffnen, der aber als Architekt von interessanten Objekten in aller Welt Erfolg hat.
Zum Abschluss des Romans macht der Vater nach 47 Jahren auf sich aufmerksam und kommt von Westafrika in die Mitte Europas nach Paris, um zu sehen, was aus seinen ersten beiden Kindern geworden ist.
„Kein Rassismusbuch“ – „ein Gesellschaftsroman“, so äußert sich die Autorin Jackie Thomae, die erst 2014 ihren afrikanischen Vater kennen lernte, als sie selbst schon 42 Jahre alt war und ihren ersten Roman veröffentlichte.
Kategorie: 21. Jahrhundert
Romane des 21. Jahrhunderts
Javier Marías: Mein Herz so weiß
Es war eine Art Mirakel in der Welt der Bücher: Javier Marías, ein spanischer Romancier, der mit begrenzten Auflagen zufrieden war, weil er seine Bücher nicht für massentauglich hielt, wurde nach einer deutschen Fernsehsendung plötzlich zum internationalen Starautor! Marcel Reich-Ranicki hatte 1996 den vier Jahre vorher erschienenen Roman „Mein Herz so weiß“ enthusiastisch gepriesen als „ganz großes Meisterwerk“ von „einem der größten lebenden Schriftsteller der Welt“. Von da an blieben Marías die Hochschätzung bei der Kritik und weltweiter Publikumserfolg treu – bis zu seinem Tod im September 2022.
Das Buch beginnt mit einem Knalleffekt: Kurz nach der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise verlässt die junge Ehefrau Teresa die Mittagstafel der großbürgerlichen Familie, geht ins Badezimmer und erschießt sich – ohne ersichtliches Motiv. Erst 40 Jahre später kommt Juan, der Sohn von Teresas Ex-Mann und Teresas jüngerer Schwester, der zum Zeitpunkt dieses Suizids noch gar nicht auf der Welt war, dem rätselhaften Ereignis auf den Grund. Das spannende Voranschreiten der Aufklärung ist verbunden mit einer Fülle von Reflexion, im Besonderen über die Frage: Wie verändert sich die Bedeutung eines vergangenen Ereignisses, wenn uns immer mehr Zeit von ihm trennt?
Annie Ernaux: Die Jahre
Der autobiografische Text „Die Jahre“ ist 2008 in Frankreich unter dem Titel „Les années“ und erst 2017 auf Deutsch erschienen. Die Nobelpreisträgerin von 2022 referiert darin ihr Leben bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Wiederkehrende Themen sind die körperliche und geistige Entwicklung der jungen Frau, ihre Probleme wegen der Herkunft aus einfachen Verhältnissen und die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es geht um Studium und Beruf, Ehe und Familie, Scheidung und die Faszination des Konsums.
Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden (Erinnerungen, 2021)
Der 1948 geborene Edgar Selge ist ein bekannter deutscher Theater- und Filmschauspieler. „Hast du uns endlich gefunden“ ist sein erstes Buch: keine Autobiographie, sondern eine literarische Annäherung an seine Jugend, an das, was ihn geprägt hat und bis heute nicht loslässt.
Die Welt der 50er Jahre, Krieg und Nazizeit sind noch nicht lange vorbei, aber es geht aufwärts. In der Familie des jungen Edgar dreht sich alles um Bildung, um Musik und Literatur, und es herrscht eine strenge Moral. Der heranwachsende Junge tut sich schwer und fühlt sich überfordert. Schon früh macht er sich seine eigenen Gedanken und beobachtet alles ganz genau. Dabei stößt er auf immer mehr Widersprüche, in der Familie, im gesellschaftlichen Umfeld und auch im Umgang mit der Vergangenheit.
Damon Galgut: Das Versprechen (Roman, 2021)
„Jede Oberfläche in diesem Haus besteht aus irgendeinem teuren Material, Stahl oder Marmor oder Glas, und wenn hier und da ein Stückchen Holz zu sehen ist, wurde es gewaltsam glattgeschliffen und lackiert, und Astrid findet das toll; wenn es nach ihr ginge, bestünde die ganze Welt aus feinen, künstlich geformten Oberflächen wie diesen. Da merkt man, wie roh und unbehauen zu Hause alles ist, überall scharfe Kanten und Ecken. Authentisch, wie Pa es nennen würde, aber wer braucht die raue Wirklichkeit?“
Astrid, Anton und Amor – so heißen die Kinder von Ma und Pa, dem weißen Ehepaar mit Nachnamen Swart, aus deren Sicht wir in vier Kapiteln vier Beerdigungen verfolgen, die nicht nur den Verfall ihrer Farmerfamilie außerhalb Pretorias verdeutlichen, sondern auch den gesellschaftspolitischen Umbruch Südafrikas zwischen 1986 und 2018. Während dieser Zeit wird der schwarzen Frau, die ihr Leben lang für die weiße Familie arbeitet, ein eigenes Haus auf eigenem Land versprochen.
Aber nicht nur dieses Versprechen bleibt letztlich unerfüllt.
Autorinnenlesung: Eva Christina Zeller: Unterm Teppich (Roman, 2022)
Eva Christina Zeller, geboren 1960 in Ulm, aufgewachsen in Stuttgart, ist bisher vor allem als Lyrikerin hervorgetreten und für ihre seit 1981 veröffentlichten Gedichtbände vielfach ausgezeichnet worden. Jetzt hat sie zum ersten Mal ein längeres Prosawerk geschrieben, eigentlich eine Reihe von kurzen Texten, die jeweils für sich stehen können, aber zusammen etwas wie die Lebensgeschichte eines weiblichen Ich ergeben, vom Embryo bis zur sechzigjährigen Frau. Die Verfasserin nennt das Werk „Roman in 61 Bildern“.

Offensichtlich haben diese „Bilder“ mit der Biographie der Autorin zu tun, ohne jedoch eine getreue Lebensbeschreibung zu bieten. Sie führen aus dem württembergischen Pfarrhaus der Kindheit weit fort, zum einen räumlich in entlegene Weltgegenden, zum anderen in sehr abweichende Milieus. Dabei bringen sie auch Dinge zur Sprache, die sonst als peinlich oder schambesetzt empfunden werden (angefangen mit dem Kleinkind, das vor aller Augen auf dem Töpfchen sitzen muss); vieles, was man gewöhnlich „unter den Teppich kehrt“, wird unbekümmert „hervorgekehrt“. Die „Bilder“ zeigen sich realistisch oder phantastisch bis zum Märchenhaften, empfindsam oder ironisch-satirisch, aber immer poetisch – die Lyrikerin verleugnet sich nicht. Denis Scheck ist begeistert: „Das ist so gut verdichtete Prosa, dass man nach den 61 Episoden das Gefühl hat, einen großen Lebensroman gelesen zu haben.“
Als Erinnerung an den Abend kann man hier die Begrüßung von Dr. Gerhard Vogt herunterladen:
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