Graham Greene: Orient-Express

Graham Greene, den man zu den meistbeachteten Romanciers des 20. Jahrhunderts zählen darf, ist bekannt für ungewöhnliche Schauplätze, die er als manisch Reisender selber aufs gründlichste kennen gelernt hat, und für die sehr besonderen Konflikte, in die der parteiferne Linke und unorthodoxe Katholik viele seiner Figuren bringt. Sein vierter Roman „Orient-Express“ von 1932, mit dem ihm der literarische Durchbruch gelang, ist kein Krimi wie Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ (1934), aber ein bewusst auf Spannung und Publikumswirksamkeit angelegtes Buch.
Auf engem Raum zusammengeschlossen rast eine Vielzahl von Menschen durch den winterlich trüben und politisch unsicheren Balkan nach Istanbul, in luxuriösen Schlafkabinen ruhend oder auf die Sitzbänke der Holzklasse gepfercht. Und auch hier treffen wir auf ungewöhnliche Personen: Da ist ein reicher jüdischer Geschäftsmann, der sich ständig der Vorbehalte der anderen gegenüber seiner „Rasse“ bewusst ist. Da ist eine junge Revuetänzerin, aus der Unterschicht ins Künstlermilieu gelangt, die froh sein muss, eine Krankheitsvertretung in Istanbul ergattert zu haben. Und es gibt einen geheimnisvollen älteren Herrn, der Lehrer und doch eigentlich Arzt ist und dessen aufregende politische Vergangenheit erst allmählich aufgedeckt wird … Nicht alle Passagiere kommen am vorgesehenen Zielort an.

Alice Munro: Zwei Erzählungen aus „Tricks“: „Ausreißen“ und „Leidenschaft“

Alice Munro, Jahrgang 1931, ist eine Schriftstellerin aus Ontario, Kanada, die sich mit ihren Kurzgeschichten (mehr als 150 an der Zahl) an die Spitze der Weltliteratur geschrieben hat. Für ihr erzählerisches Werk, das 14 Bände mit Erzählungen und außerdem noch einen Roman umfasst, hat sie fast jeden wichtigen Literaturpreis bekommen, 2013 schließlich den Nobelpreis.
In Alice Munros Erzählungen gibt es keine spektakulären Ereignisse, es geht immer um das, was das tägliche Leben ausmacht, um Hoffnungen und Träume, um Leidenschaft und Enttäuschungen. Dabei gibt es immer wieder Momente, wo alles plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheint, wo das Vertraute fremd und das Alltägliche rätselhaft wird. Ein Kritiker schreibt: „Alice Munro kann auf wenigen Seiten eine ganze Welt entfalten.“ Der Leser wird sofort in diese Welt hineingezogen.

Ein Abend im Romanischen Café

Sindelfingens Weg in die Moderne 1918 – 1932“ – so heißt das große Ausstellungsprojekt der Städtischen Museen. Wir als Literaturklub Sindelfingen fühlten uns herausgefordert, innerhalb dieses Rahmens die progressive literarische Szene des damaligen Sindelfingen und ihre großen Autoren zu präsentieren. Nur: In der schwäbischen 5000-Einwohner-Stadt wurden wir nicht wirklich fündig.

Was also tun? Wir laden dahin ein, wohin ein literaturbegeisterter Sindelfinger hätte fahren müssen, um dem Puls der literarischen Entwicklung nahe zu sein. Unser Thema:

Ein Abend im Romanischen Café

Zentrum der deutschen Literatur war in den 20er Jahren zweifellos Berlin, genauer aber das berühmte Romanische Café beim Kurfürstendamm. Hier hielten die etablierten Größen der Literatur Hof, hier diskutierte alles, was in der schreibenden Zunft einen Namen hatte oder erwerben wollte. Ein Potpourri aus dem Schaffen der Edelfedern, die zu diesem geistigen Biotop gehörten, war im Stadtmuseum zu hören. Prominente Stammgäste und auch Gelegenheitsbesucher des Cafés, von Bert Brecht bis Kurt Tucholsky, von Alfred Döblin bis Mascha Kaleko, lasen – verkörpert durch Mitglieder des Literaturklubs Sindelfingen – aus ihren Romanen, Gedichten und Artikeln. So entstand ein skizzenhaftes Bild von der rasanten Entwicklung der Riesenstadt Berlin. Und Sindelfingens Weg in die Moderne? Der kam dabei auch in den Blick. Und ein in Sindelfingen entstandenes Gedicht war zu hören.

Lesezeichen: Josef Eberle – Die zwei Leiern des Rottenburgers

Eigentlich wollte Dr. Vogt nur – als heitere Zwischengabe in der unfreiwilligen Vakanz – sein bekanntestes Poem präsentieren, sein Gebet zum (wie es in schöner Verdopplung heißt) heiligen Sankt Nepomuk; aber er fand Werk und Vita des Mannes bei erneuter Beschäftigung so interessant, dass er Ihnen ein wenig mehr über ihn darbieten möchte. Es geht um Josef Eberle (vielen eher bekannt als Sebastian Blau), 1901 – 1986, „Poet und Publizist“ – geboren in Rottenburg am Neckar, 10 km flussaufwärts von Tübingen, in der einst vorderösterreichisch-katholischen Landstadt, die 1805 an Württemberg fiel.

Hinweis: im PDF befindet sich eine Tondatei, diese ist mit Adobe Reader abspielbar, sobald man dem Dokument „vertraut“ hat (gelbe Leiste oben). Wem das suspekt ist, der kann die Tondatei auch schlicht hier direkt anhören.

Autor: Dr. Gerhard Vogt

Lesezeichen: Tansania im Spiegel zeitgenössischer deutscher Literatur

Achill Moser (geb. 1954): Sehnsuchtsorte
Arnold Stadler (geb. 1954): Am siebten Tag flog ich zurück
Christof Hamann (geb. 1966): Usambara

„Auch wenn seit ein paar Wochen mein Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte von anderen globalen Ereignissen verdrängt worden ist, habe ich meine vergleichende Lektüre zeitgenössischer deutscher Darstellungen von Gurnahs Verlorenem Paradies in Sansibar und Tansania zum Abschluss gebracht und einen Beitrag dazu erstellt. Er möge unsere Leserschaft für eine Weile auf andere Gedanken bringen“.

Renate Alber-Bussas

Lesezeichen: Abdulrazak Gurnah – Literaturnobelpreisträger 2021

Paradise (1994) deutsch Das verlorene Paradies (Penguin 2021 neu ediert) mit Afterlives (Bloomsbury 2020 – noch nicht in deutscher Übersetzung)

„Es gibt eine Menge Historiker, die sich mit der deutschen Kolonialgeschichte beschäftigen. Trotzdem hat die deutsche Öffentlichkeit nur geringes Interesse an dem, was diese Leute herausfinden. Ich würde das gar nicht auf Bösartigkeit zurückführen, ich sehe keine aktive Weigerung, diesen Teil der Geschichte wahrzunehmen. Eher einen Mangel an Wissen.“, so äußerte sich am 4.12.2021 Abdulrazak Gurnah im Spiegel, kurz bevor ihm der Literaturnobelpreis für dieses Jahr überreicht wurde.
Wenn man die beiden Romane Paradise und Afterlives liest, wird diese Wissenslücke um einiges kleiner: Im Verlorenen Paradies trifft der jugendliche Yusuf südlich des Kilimandscharo kurz vor 1900 auf die deutsche Schutztruppe. Im Roman Afterlives lernen wir dort eine vielfältige, multikulturelle Gesellschaft kennen und erfahren deren Veränderung bis in die 1960er Jahre – nicht nur unter deutschem Einfluss.