Alex Capus: Königskinder (Roman 2018)

Während Max und Tina eingeschneit eine Nacht in ihrem Auto auf einem Alpenpass ausharren müssen, erzählt er ihr eine Geschichte, die genau dort in den Bergen kurz vor der Französischen Revolution ihren Anfang nimmt.
Jakob ist ein bäuerliches Waisenkind aus dem Greyerzer Land. Als er sich in Marie, die Tochter eines reichen Bauern, verliebt, ist dieser entsetzt. Einen solchen Hungerleider soll seine Tochter nicht heiraten.
Daraufhin meldet sich Jakob freiwillig zur französischen Armee. Marie weist inzwischen entschlossen alle Ehekandidaten zurück. Nach acht Jahren und einer kurzen Zeit des Glücks der Zweisamkeit wird Jakob als Kuhhirte an den Hof Ludwigs XVI. rekrutiert. Dort ist man so gerührt von seinem Unglück, dass man auch Marie nach Versailles holen lässt. Dort aber droht die Revolution.
Meisterhaft verknüpft Alex Capus das Abenteuer der armen Bauernwaise und der reichen Bauerntochter mit Max‘ und Tinas kalter Nacht in den Bergen.

Literatur und Musik (Begleitmaterial)

Vorstellung von Romanen am 18.07.2022

Norbert Gstrein: Als ich jung war (Roman 2019)

Norbert Gstrein, geboren 1961 aus einer Hoteliers- und Skilehrerfamilie in Tirol, studierte Mathematik in Innsbruck und den USA, begann aber schon im Jahr seiner Promotion eine erfolgreiche Karriere als Schriftsteller. 2019 bekam er nach vielen anderen Auszeichnungen den Österreichischen Buchpreis für seinen Roman „Als ich jung war.“
Der „Scheinkrimi“, wie das Buch genannt wurde, stellt viele Fragen: Ist die exzentrische Iris in der Nacht nach ihrer Hochzeit selbst von der Felswand gesprungen, oder hat ihr jemand einen Schubs gegeben? Auch der Erzähler, Hoteliersohn und Hochzeitsfotograf, wird verdächtigt. Und was hat es mit dem Kuss auf sich, den der gedankentiefe, ehrgeizlose Außenseiter kurz vorher fast an derselben Stelle der jungen Sarah abgenötigt hat? Warum setzt er sich gleich darauf nach Amerika ab, wo sein väterlicher Freund und Skischüler absichtlich in den Tod rast? Nur allmählich wird er selbst und wird der Lesende sich klarer darüber, was es mit diesem belasteten Leben auf sich hat. Der Schluss aber lautet: „… und das war ein guter Anfang.“

Eva Menasse: Dunkelblum, Roman (2021)

In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert mit seinen Schnurrhaaren jeden Schritt.
So beginnt der Roman von Eva Menasse, die 1970 in Wien geboren wurde und heute in Berlin lebt. Darin wird nicht nur das Massaker von Rechnitz verarbeitet, bei dem am Palmsonntag 1945 an die 200 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter während einer Schlossfestivität ermordet und in ein Massengrab geworfen wurden. Nein, aus der Sicht unterschiedlicher Personen, mit Erinnerungen und Gedankenassoziationen erleben wir beim Lesen viel allgemeiner und gleichzeitig auch differenzierter unaufrichtiges menschliches Verhalten – gepaart mit Vorurteilen jeder Art – nicht bloß im Zusammenhang mit der verdrängten Vergangenheit.
Man wünschte Gott, dass er nur in die Häuser sehen könnte und nicht in die Herzen.

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten

Das Buch bewegt sich zwischen Satire und bitterem Ernst. Es spielt ein Gedankenexperiment zum Thema Flüchtlinge aus Afrika durch.
Hunderttausende, die bisher in einem Camp leben und so von der Flucht nach Europa abgehalten werden, machen sich auf den Weg. Das Ziel ihrer Träume ist Deutschland. Dort aber sind sie, wen wundert es, nicht willkommen.

Judith Hermann: Daheim

Eine Frau erzählt ihr Leben. So könnte man sagen, aber der Satz trifft nicht zu. Sie skizziert allenfalls Teile ihres Lebens, ausführlicher nur ein paar Wochen ihrer Jugend, als sie, die 18-Jährige, die Chance hatte, als „zersägte Jungfrau“ nach Singapur zu reisen, und gut ein Jahr, in dem sie, nunmehr 47, in einem Haus am Deich lebt und sich prüft, ob sie dort bleiben will. Trägt die Beziehung zum Schweinezüchter Arild? Ist die Nachbarin Mimi so nett, dass sich das Bleiben im Dorf lohnt? Kann sie es länger mit ihrem Bruder Sascha aushalten, in dessen Kneipe sie arbeitet? Wird sie es ertragen, dass ein Marder im Dachgeschoss ihres Häuschens sein störendes Unwesen treibt? Und dann die Hitze …
Judith Hermann erzählt in einer knappen, präzisen Sprache, die zugleich offen ist für diverse Deutungen. Stimmen die Erinnerungen an unser Leben? War es so oder war es ganz anders?