Ein Abend im Romanischen Café

Sindelfingens Weg in die Moderne 1918 – 1932“ – so heißt das große Ausstellungsprojekt der Städtischen Museen. Wir als Literaturklub Sindelfingen fühlten uns herausgefordert, innerhalb dieses Rahmens die progressive literarische Szene des damaligen Sindelfingen und ihre großen Autoren zu präsentieren. Nur: In der schwäbischen 5000-Einwohner-Stadt wurden wir nicht wirklich fündig.

Was also tun? Wir laden dahin ein, wohin ein literaturbegeisterter Sindelfinger hätte fahren müssen, um dem Puls der literarischen Entwicklung nahe zu sein. Unser Thema:

Ein Abend im Romanischen Café

Zentrum der deutschen Literatur war in den 20er Jahren zweifellos Berlin, genauer aber das berühmte Romanische Café beim Kurfürstendamm. Hier hielten die etablierten Größen der Literatur Hof, hier diskutierte alles, was in der schreibenden Zunft einen Namen hatte oder erwerben wollte. Ein Potpourri aus dem Schaffen der Edelfedern, die zu diesem geistigen Biotop gehörten, war im Stadtmuseum zu hören. Prominente Stammgäste und auch Gelegenheitsbesucher des Cafés, von Bert Brecht bis Kurt Tucholsky, von Alfred Döblin bis Mascha Kaleko, lasen – verkörpert durch Mitglieder des Literaturklubs Sindelfingen – aus ihren Romanen, Gedichten und Artikeln. So entstand ein skizzenhaftes Bild von der rasanten Entwicklung der Riesenstadt Berlin. Und Sindelfingens Weg in die Moderne? Der kam dabei auch in den Blick. Und ein in Sindelfingen entstandenes Gedicht war zu hören.

Autorenlesung mit Joachim Zelter: Professor Lear

Zelter ist 1962 in Freiburg geboren. Er studierte nach dem Abitur an der Universität Tübingen Anglistik und Politikwissenschaft. Anschließend arbeitete er als wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Tübingen. 1993 promovierte er dort mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit in Anglistik. 1995/96 hatte er einen Lehrauftrag im Fach Germanistik an der Yale University in New Haven (Connecticut); 1996/97 lehrte er neuere englische Literatur an der Universität Tübingen.
Joachim Zelter hat eine Reihe von Romanen, Erzählungen und Essays veröffentlicht. „Seine Werke behandeln oft Themen wie zwischenmenschliche Beziehungen, Identität, Kommunikation und das Alltagsleben“, weiß ChatGPT.

Die Begrüßung des Autors gibt es hier zum Nachlesen.

Literatur und Musik

Wie jedes Jahr traf sich der Literaturklub am letzten Abend vor der Sommerpause im Stiftshof trifft, um die Vorstellung von Werken der schönen Literatur mit dem Vortrag schöner Musik zu verbinden.

Referate zum Nachlesen

Eugen Ruge: Pompeji
vorgestellt von Dr. Gerhard Vogt

Ian McEwan: Lektionen
vorgestellt von Renate Alber-Bussas

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen
vorgestellt von Brigitte Dobler-Coyle

Rainhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer
vorgestellt von Roland Häcker

Henry James: „Das Durchdrehen der Schraube“

Thema des Referats ist die bekannteste Erzählung des amerikanisch-britischen Autors Henry James, die im Original von 1898 „The turn of the screw“ heißt, in den deutschen Ausgaben „Das Durchdrehen der Schraube“ oder ähnlich. Darin erzählt eine altgediente Gouvernante von ihrem ersten beruflichen Einsatz: Als ganz junge Frau hatte sie zwei Waisenkinder auf einem südenglischen Landsitz zu betreuen. Sie berichtet von verstörenden Ereignissen: Zwei verstorbene Dienstboten der Familie zeigen sich und versuchen, verderblich auf die Kinder einzuwirken. Sie kämpft mit allen Kräften gegen die Wiedergänger an, aber das Ende ist schrecklich. Eine Geistergeschichte also – oder eine psychologische Studie über das Erleben einer überforderten jungen Frau? Die Geschichte gilt als eine der meistdiskutierten der neueren Literatur.

Christoph Hein: Trutz (Roman, 2017)

Der Schriftsteller Rainer Trutz muss aus Nazi-Deutschland in die Sowjetunion auswandern. Er begegnet im Moskau der Vorkriegszeit Professor Waldemar Gejm, der über den Ursprung und die Funktion der Erinnerung forscht. Die parteioffizielle Gedächtnissteuerung durch den sowjetischen Staat wird den beiden Männern zum Verhängnis. Stalins Schergen sind erbarmungslos.
Viele Jahre später begegnen sich ihre Söhne von Trutz und Gejm im wiedervereinigten Deutschland. Sie haben fast dieselben schlimmen Erfahrungen wie ihre Väter gemacht.

Jackie Thomae: Brüder

2019 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis

Mit den Augen und Ohren von zwei Halbbrüdern, deren senegalesischer Vater am Ende der sechziger Jahre in Ost-Berlin und Leipzig studierte, verfolgen wir zunächst die Probleme alleinerziehender Mütter, die letzten Jahre vor dem Mauerfall, die überschwänglichen Freiheitsgefühle danach und Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus.
Die beiden männlichen Hauptpersonen sind völlig unterschiedlich und somit auch ihre jeweiligen Partnerinnen und Lebensverhältnisse. Dies spiegelt sich in wechselnden Sprachstilen und Erzählhaltungen. Die Überschriften der beiden Hauptteile charakterisieren Mick als ‚Der Mitreisende‘, der zu vielerlei bereit ist, auch zum Schmuggeln von Kokain, und Gabriel als ‚Der Fremde‘, dem es schwerfällt, sich anderen Menschen zu öffnen, der aber als Architekt von interessanten Objekten in aller Welt Erfolg hat.
Zum Abschluss des Romans macht der Vater nach 47 Jahren auf sich aufmerksam und kommt von Westafrika in die Mitte Europas nach Paris, um zu sehen, was aus seinen ersten beiden Kindern geworden ist.
„Kein Rassismusbuch“ – „ein Gesellschaftsroman“, so äußert sich die Autorin Jackie Thomae, die erst 2014 ihren afrikanischen Vater kennen lernte, als sie selbst schon 42 Jahre alt war und ihren ersten Roman veröffentlichte.