Alice Munro: Zwei Erzählungen aus „Tricks“: „Ausreißen“ und „Leidenschaft“

Alice Munro, Jahrgang 1931, ist eine Schriftstellerin aus Ontario, Kanada, die sich mit ihren Kurzgeschichten (mehr als 150 an der Zahl) an die Spitze der Weltliteratur geschrieben hat. Für ihr erzählerisches Werk, das 14 Bände mit Erzählungen und außerdem noch einen Roman umfasst, hat sie fast jeden wichtigen Literaturpreis bekommen, 2013 schließlich den Nobelpreis.
In Alice Munros Erzählungen gibt es keine spektakulären Ereignisse, es geht immer um das, was das tägliche Leben ausmacht, um Hoffnungen und Träume, um Leidenschaft und Enttäuschungen. Dabei gibt es immer wieder Momente, wo alles plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheint, wo das Vertraute fremd und das Alltägliche rätselhaft wird. Ein Kritiker schreibt: „Alice Munro kann auf wenigen Seiten eine ganze Welt entfalten.“ Der Leser wird sofort in diese Welt hineingezogen.

Ein Abend im Romanischen Café

Sindelfingens Weg in die Moderne 1918 – 1932“ – so heißt das große Ausstellungsprojekt der Städtischen Museen. Wir als Literaturklub Sindelfingen fühlten uns herausgefordert, innerhalb dieses Rahmens die progressive literarische Szene des damaligen Sindelfingen und ihre großen Autoren zu präsentieren. Nur: In der schwäbischen 5000-Einwohner-Stadt wurden wir nicht wirklich fündig.

Was also tun? Wir laden dahin ein, wohin ein literaturbegeisterter Sindelfinger hätte fahren müssen, um dem Puls der literarischen Entwicklung nahe zu sein. Unser Thema:

Ein Abend im Romanischen Café

Zentrum der deutschen Literatur war in den 20er Jahren zweifellos Berlin, genauer aber das berühmte Romanische Café beim Kurfürstendamm. Hier hielten die etablierten Größen der Literatur Hof, hier diskutierte alles, was in der schreibenden Zunft einen Namen hatte oder erwerben wollte. Ein Potpourri aus dem Schaffen der Edelfedern, die zu diesem geistigen Biotop gehörten, war im Stadtmuseum zu hören. Prominente Stammgäste und auch Gelegenheitsbesucher des Cafés, von Bert Brecht bis Kurt Tucholsky, von Alfred Döblin bis Mascha Kaleko, lasen – verkörpert durch Mitglieder des Literaturklubs Sindelfingen – aus ihren Romanen, Gedichten und Artikeln. So entstand ein skizzenhaftes Bild von der rasanten Entwicklung der Riesenstadt Berlin. Und Sindelfingens Weg in die Moderne? Der kam dabei auch in den Blick. Und ein in Sindelfingen entstandenes Gedicht war zu hören.

Lesezeichen: Josef Eberle – Die zwei Leiern des Rottenburgers

Eigentlich wollte Dr. Vogt nur – als heitere Zwischengabe in der unfreiwilligen Vakanz – sein bekanntestes Poem präsentieren, sein Gebet zum (wie es in schöner Verdopplung heißt) heiligen Sankt Nepomuk; aber er fand Werk und Vita des Mannes bei erneuter Beschäftigung so interessant, dass er Ihnen ein wenig mehr über ihn darbieten möchte. Es geht um Josef Eberle (vielen eher bekannt als Sebastian Blau), 1901 – 1986, „Poet und Publizist“ – geboren in Rottenburg am Neckar, 10 km flussaufwärts von Tübingen, in der einst vorderösterreichisch-katholischen Landstadt, die 1805 an Württemberg fiel.

Hinweis: im PDF befindet sich eine Tondatei, diese ist mit Adobe Reader abspielbar, sobald man dem Dokument „vertraut“ hat (gelbe Leiste oben). Wem das suspekt ist, der kann die Tondatei auch schlicht hier direkt anhören.

Autor: Dr. Gerhard Vogt

Lesezeichen: Tansania im Spiegel zeitgenössischer deutscher Literatur

Achill Moser (geb. 1954): Sehnsuchtsorte
Arnold Stadler (geb. 1954): Am siebten Tag flog ich zurück
Christof Hamann (geb. 1966): Usambara

„Auch wenn seit ein paar Wochen mein Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte von anderen globalen Ereignissen verdrängt worden ist, habe ich meine vergleichende Lektüre zeitgenössischer deutscher Darstellungen von Gurnahs Verlorenem Paradies in Sansibar und Tansania zum Abschluss gebracht und einen Beitrag dazu erstellt. Er möge unsere Leserschaft für eine Weile auf andere Gedanken bringen“.

Renate Alber-Bussas

Lesezeichen: Abdulrazak Gurnah – Literaturnobelpreisträger 2021

Paradise (1994) deutsch Das verlorene Paradies (Penguin 2021 neu ediert) mit Afterlives (Bloomsbury 2020 – noch nicht in deutscher Übersetzung)

„Es gibt eine Menge Historiker, die sich mit der deutschen Kolonialgeschichte beschäftigen. Trotzdem hat die deutsche Öffentlichkeit nur geringes Interesse an dem, was diese Leute herausfinden. Ich würde das gar nicht auf Bösartigkeit zurückführen, ich sehe keine aktive Weigerung, diesen Teil der Geschichte wahrzunehmen. Eher einen Mangel an Wissen.“, so äußerte sich am 4.12.2021 Abdulrazak Gurnah im Spiegel, kurz bevor ihm der Literaturnobelpreis für dieses Jahr überreicht wurde.
Wenn man die beiden Romane Paradise und Afterlives liest, wird diese Wissenslücke um einiges kleiner: Im Verlorenen Paradies trifft der jugendliche Yusuf südlich des Kilimandscharo kurz vor 1900 auf die deutsche Schutztruppe. Im Roman Afterlives lernen wir dort eine vielfältige, multikulturelle Gesellschaft kennen und erfahren deren Veränderung bis in die 1960er Jahre – nicht nur unter deutschem Einfluss.

Literatur und Musik: Vorstellung von Romanen

Artikel in der SZ/BZ

Hier der Artikel von Bernd Heiden in der SZ/BZ (für Abonnenten). Für alle Nicht-Abonnenten hat die SZ/BZ der Veröffentlichung auf unserer Seite dankenswerterweise zugestimmt – hier gibt es daher den Artikel zum Herunterladen als PDF.
Quelle: Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung (SZ/BZ)

Neustart des Literaturklub am 20.07.2021 im Stiftshof
Foto: Bernd Heiden. Mit freundlicher Genehmigung der Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung (SZ/BZ)

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Dörte Hansen hat in ihrem zweiten Roman die Thematik ihres Debütromans „Altes Land“ weitergesponnen. Nun geht es nicht mehr nur um die Veränderungen des dörflichen Lebens in den letzten Jahrzehnten, sondern auch um ein facettenreiches Beziehungsgeflecht zwischen Jung und Alt, dargestellt in nachdenklich machenden Stimmungsbildern, die an Theodor Storm und Emil Nolde erinnern. Musikalische Anspielungen tragen geschickt zur Verlebendigung vergangener Zeiten bei. Die Autorin, die inzwischen vom Alten Land in ihre Heimatstadt Husum gezogen ist, nimmt uns beim Lesen behutsam mit in ihre nordfriesische Welt.

Referat von  Renate Alber-Bussas und Renate Fischer zum Herunterladen.

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Heldin ja, Heilige nein!
Sie habe „eine Hommage, keine Hagiographie“ verfasst, eine Huldigung, aber keine Heiligenlegende, sagt die Autorin über das Buch, für das sie den Deutschen Buchpreis 2020 erhalten hat. Sie ist fasziniert von der heute 97 Jahre alten, immer noch höchst lebendigen Anne Beaumanoir, der Kämpferin und menschenfreundlichen Helferin, die in der Résistance gegen die deutschen Besatzer und dann im algerischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich ihr Leben eingesetzt hat, und widmet ihr ein „Epos“, eine Gattung, die Männern vorbehalten schien. Sie, oder jedenfalls die im Werk präsente Erzählerin, lässt aber erkennen, dass ihre radikale Protagonistin für sie nicht eine Idealfigur ist, sondern eine Person, deren Einstellungen und Entscheidungen sie kritisch-liebevoll reflektiert.

Referat von Dr. Gerhard Vogt zum Herunterladen.

Benedict Wells: Hard Land

„Es ist ein hartes Land, und es wird dir alles abverlangen“, heißt es in dem Versepos „Hard Land“ des Dichters William J. Morris, der in der Kleinstadt Gradys, Missouri, gelebt hat. Es gibt den Dichter, besagtes Epos und die kriselnde Stadt Gradys – allerdings nur in Benedict Wells‘ Roman. Darin erzählt er von dem schüchternen, etwas ängstlichen 15-jährigen Sam, der in den Sommerferien 1985 „Hartes“ durchmachen muss, aber auch Schönes erlebt. Schlimm in diesem Sommer ist der Tod seiner geliebten Mutter, die an Krebs erkrankt war. Das Schöne ist die Freundschaft mit Cameron, Hightower und Kirstie, die zwei Jahre älter sind als Sam und demnächst studieren werden.

Referat von Roland Häcker zum Herunterladen.