Heinrich Mann: Professor Unrat (Roman, 1905)

Das Buch wurde erst durch den Film „Der Blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings (1930) so richtig bekannt. Aber der Film erzählt eine ganz andere Geschichte.
Professor Raat ist ein Opfer seines Namens und der damaligen preußischen Obrigkeit. Er sieht seinen Lebenssinn zunächst im Kampf gegen die unbotmäßigen Schüler, die ihn als „Unrat“ beschimpfen. Die Begegnung mit der „Künstlerin Fröhlich“ im Blauen Engel verändert sein Leben. Er ist fasziniert von der jungen Frau. Mit ihrer Hilfe erweitert er seine Kampfzone auf die ganz Stadt, hinter der man Lübeck vermuten darf. Aus dem eher biederen Schulmeister mit humanistischen Werten wird allmählich ein Anarchist, der die ganze Gesellschaft attackiert. Dass er am Ende scheitert, hat mit dem Schüler Lohmann zu tun, der ihm von Anfang an in vieler Hinsicht überlegen ist.

Martin Walser: Ein springender Brunnen (Roman, 1998)

Eine Autobiographie wollte er auf keinen Fall schreiben, der letzten Juni verstorbene „Jahrhundert-Autor“. Dafür einen Erinnerungsroman, in dem der reflektierende Verfasser völlig dem Wasserburger Buben und Jüngling das Feld überlässt, der er einmal war. Diesen also begleiten wir, wie er, von der Notzeit nach dem ersten Weltkrieg bis zur Ratlosigkeit nach dem Ende des zweiten, sein Verhältnis findet zu den Üblichkeiten des traditionsgeprägten Dorfes, zu den moralischen Normen der Kirche und zu den Forderungen des aufkommenden Nationalsozialismus; wir erleben, was die erwachende Sexualität mit ihm anstellt und wie der zukünftige Literat schon erstaunlich früh beginnt, eine eigene Sprache zu suchen. Am Ende zelebriert der junge Kriegsteilnehmer und Überlebende eine Selbstbezogenheit, die wir heute als problematisch empfinden. Die „politische Unkorrektheit“ des Achtzehnjährigen hat ein Teil der Kritik 1998, im Jahr der Paulskirchenrede, dem missliebigen Autor Walser angelastet.